Die Aufklärung im Herzen Berlins

Wie kann Erinnerung aussehen? Und an wen wollen wir uns in Zukunft erinnern? - Unser Bericht zur Veranstaltung

 

Am 8. Februar fragte die Veranstaltung „Die Aufklärung im Herzen Berlins – Wie kann Erinnerung aussehen? Und an wen wollen wir uns in Zukunft erinnern?“ danach, wie die Berliner Aufklärung in der historischen Mitte der Stadt dargestellt werden kann.

Die Veranstaltung wurde gemeinsam mit Expert:innen für Geschichte, Kunst, Gedenkkultur und Stadtplanung im Jüdischen Gemeindehaus und im Live-Stream durchgeführt. Öffnet externen Link in neuem FensterDie Aufzeichnung der Veranstaltung finden Sie hier.

Organisiert wurde die Veranstaltung als Kooperation zwischen dem Büro für Kunst im öffentlichen Raum der Kulturwerk GmbH im bbk Berlin e. V., der Mendelssohn Gesellschaft und der Stiftung Zukunft Berlin (SZB).

Um in die Thematik einzutauchen und den historischen und räumlichen Rahmen zu stecken, lieferten zunächst vier Expert:innen fachliche Inputs.

Den Anfang machte Prof. Urs Kohlbrenner (Mitglied der AG Berliner Mitte in der SZB), der sich in seinem Vortrag dem historischen Ort der Berliner Mitte und seinem aktuellen Zustand widmete. Dabei verwies er einerseits auf die historische Topografie des Ortes und die Möglichkeiten der räumlichen Gestaltung, um den heutigen Ort qualitativ aufzuwerten, und stellte andererseits für die Berliner Aufklärung relevante historische Adressen wie die Spandauer Straße 68 vor. Diese gilt als zentraler Ort der Aufklärer, Dichter und Philosophen Moses Mendelssohn, Gotthold Ephraim Lessing und Friedrich Nicolai.

Der zweite Input kam von Dr. Thomas Lackmann (Stellvertretender Vorsitzender der Mendelssohn Gesellschaft), der Einblicke in die Dialog-Werkstatt Moses Mendelssohns und in dessen Leben und Wirken gab.

Aufbauend auf diese historischen Hintergründe erläuterte Dr. Jan Mende (Kurator des Stadtmuseums) in seinem Vortrag verschiedene Möglichkeiten der Musealisierung. Dabei machte er deutlich, dass es eine Vielzahl weiterer Gebäude in der Berliner Mitte gibt, welche mit der Geschichte der Aufklärung eng verbunden sind.

Im vierten und letzten Input widmete sich Dr. Elfriede Müller (Beauftragte für Kunst im öffentlichen Raum der Kulturwerk GmbH des bbk berlin) den Möglichkeiten künstlerischer Darstellung von Erinnerung und Geschichte. Sie stellte verschiedene Beispiele von künstlerischen Interventionen vor, um das breite Spektrum einer Darstellung oder Kommentierung von Geschichte deutlich zu machen. Außerdem erklärte sie die formalen Schritte, die für die Ausschreibung eines künstlerischen Wettbewerbs notwendig sind.

Auf dem anschließenden Podium, moderiert von Lea Rosh (Mitglied der AG Berliner Mitte in der SZB) und Christophe Knoch (SZB-Vorstandsmitglied), ging es nun um die Frage, welche Ansätze zur Erinnerung an die Berliner Aufklärung möglich und zeitgemäß sind. An der Diskussion beteiligt waren neben Dr. Jan Mende und Dr. Elfriede Müller der Historiker Prof. Dr. Conrad Wiedemann und Prof. Dr. Christoph Markschies (Präsident der Akademie der Wissenschaften).

Wiedemann brachte die Idee der Einrichtung eines Begegnungs- und Diskussionsortes auf dem Marx-Engels-Forum ein, ganz im Sinne des Geistes der Berliner Aufklärung. Ein solcher Ort, eine Mischung aus Caféhaus, Museum und Bibliothek, biete eine gute Möglichkeit, Geschichte zu vermitteln.

Markschies plädierte dafür, den Blick auf die Aufklärung zu verbreitern und auch Personen wie Probst und Spalding und Orte wie die Reformsynagoge in die Erinnerung mit einzubeziehen. Auch das Thema Religion und die französischen Aufklärer:innen sollten eine Rolle spielen. Daraus ergäbe sich die Chance, einen europäischen Rahmen und Bezug herzustellen. Er brachte das Konzept eines Geschichtspfades ein, der verschiedene Orte der Berliner Aufklärung miteinander verbinden könne und zum Beispiel an einem wie von Wiedemann vorgeschlagenen Ort enden könne, wo dann „mit Tee und Butterbrot“ lebhafte Diskussionen geführt werden könnten.

Rainer Klemke betreibt die „Berlin History App“, die digitale Touren in Berlin anbietet. Er wies aus dem Publikum darauf hin, dass eine solche Tour zur Aufklärung in der Berliner Mitte schnell erarbeitet werden könne. Außerdem gebe es ein neues Tool, mit dem Nutzer:innen der App sich selbst Touren zusammenstellen können; auch dafür könnten Angebote entwickelt werden.

In einem weiteren Impuls aus dem Publikum machte Prof. Dr. Wolf-Dieter Heilmeyer, Mitglied der AG Berliner Mitte, deutlich, dass es ein zentrales Anliegen der AG sei, das Zentrum Berlins wieder zu einem attraktiven Ort für Berliner:innen zu machen. Dazu sei eine Umgestaltung des Marx-Engels-Forums unausweichlich. Das ließe sich gut mit der Spandauer Straße 68 zur Erinnerung an die Berliner Aufklärung verbinden. Zwar existiere bereits die künstlerische Arbeit Micha Ullmans dazu, doch scheine diese nicht genügend Aufmerksamkeit bei Passant:innen zu erzeugen. Darum wünsche sich die AG ein weiteres „Denk-mal!“.

Patricia Pisani (Bildende Künstlerin) wies auf den Begriff „Denkzeichen“ als Bezeichnung für solch eine zeitgenössische Form des Gedenkens hin. Dieser Begriff mache deutlich, dass es darum gehe, das Publikum zum Mitdenken aufzufordern und Fragen aufzuwerfen. Für einen künstlerischen Wettbewerb sei es sehr wichtig, einen Rahmen zu schaffen, aber den Rest so offen wie möglich zu lassen. Auch ein dezentraler Ansatz biete sich an, da es mehrere geografische Bezugspunkte in der Berliner Mitte zur Aufklärung gebe.

Zudem wies Prof. Dr. Gabi Dolff-Bonekämper, Denkmalpflegerin und Kunsthistorikerin, aus dem Publikum darauf hin, dass eine Erinnerungskultur an die Berliner Aufklärung nicht bedeute zu trauern, sondern vielmehr Fortschritt und Weltoffenheit vermittele. Das sei eine Besonderheit in der Denkmalkunst, eine Wende vom Mahnen zum Feiern. Um zu abstrakten Formen der Erinnerung an die Aufklärung finden zu können, müssten zunächst die Inhalte, Texte und Personen bekannter gemacht werden. Dazu könne als inhaltliche Vorbereitung der Bürger:innen ein regelmäßiges Informationsformat in den Medien genutzt werden.

Dieser Abend bildete den Auftakt einer Veranstaltungsreihe zum Thema. Im Juni ist ein weiteres Format geplant, zu dem auch Politiker:innen eingeladen werden sollen.

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