Offener Brief zur Eröffnung des Humboldt Forums

Hundert Jahre nach der Gründung Groß-Berlins und dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands erhält die Hauptstadt in ihrer historischen Mitte, gleichsam als Erweiterung der Museumsinsel über den Lustgarten hinaus, mit dem Humboldt Forum einen Ort, an dem die Welt nicht nur zu Gast, sondern zu Hause sein möge. Die Stiftung Zukunft Berlin, die zwölf Jahre lang die Planung des Humboldt Forums kritisch begleitet hat, gratuliert der Stiftung dieses Namens und allen, die das Forum gestaltet haben und in Zukunft bespielen werden. Sie beglückwünscht Berlin zur Eröffnung dieses weltoffenen Museums, dessen Ziel  es sein wird, mit seinen vielfältigen Programmangeboten stets mehr als ein Museum zu sein, ein lebendiger, bürgernaher Ort der Auseinandersetzung im Geiste Alexanders und Wilhelms von Humboldt, eine Agora, auf der  Wissenschaft und Bildung einander begegnen, ein Angelpunkt auch zwischen Ost und West oder Nord und Süd, zwischen Welt und Stadt, zwischen Europa und anderen Kontinenten.

In Sichtweite von Fernsehturm, Rotem Rathaus und „Marx-Engels-Forum“ im Osten, der Oper, der von Wilhelm von Humboldt gegründeten Universität und des Deutschen Historischen Museums an der Allee „Unter den Linden“, also westlich der Spree, auch zwischen Monbijoupark, Hackeschem Markt und Nikolaiviertel gelegen, wird mit dem Humboldt Forum ein neues Zentrum entstehen, das nicht nur mit dem, was es dort zu sehen und zu hören gibt, sondern auch durch seine vielfältige Gastronomie und seine auch nachts geöffnete Passage Ströme von Besuchern und Passanten anziehen wird. Ein begehbares Forum, dem man sogar aufs Dach steigen kann, wird die Menschen zwischen den benachbarten Ausgehvierteln, Kulturstätten und Sehenswürdigkeiten zum Verweilen einladen. Es wird sein, so hoffen wir, als habe Alexander von Humboldt die Tür aufgestoßen zu einer neuen Welt inmitten der Mitte. Nur er konnte die Tür von innen öffnen: Schon im Königsschloss Friedrich Wilhelms IV. hat es für ihn ein Zimmer gegeben, dessen Decke einem Zeltdach vom Orinoko nachgebildet war. Jetzt sind Alexander und Wilhelm von Humboldt die Hausherren geworden.

Dass man das Humboldt Forum auf Raten eröffnen wird, mindert die mit hoffnungsvollen Erwartungen verknüpfte Freude kaum: Auch Alexander von Humboldts „Kosmos“, sein „Entwurf einer physischen Weltgeschichte“  brauchte seine Zeit. Und „fertig“ wird der Kosmos Humboldt Forum, wenn er denn wirklich leben soll, ohnehin nie.

Dass Europas gegenwärtig größtes Kulturprojekt in der Kubatur der 1950 gesprengten Teilruine des preußischen Königs- und Kaiserschlosses errichtet wurde und nach außen auf drei Seiten die nachgebildeten Fassaden des Schlüter- und Eosander-Baus zeigt, haben wir uns in der Stiftung Zukunft Berlin – nicht ohne Murren – zu kritisieren versagt. Die Debatte darüber hat 2002 der Deutsche Bundestag geführt. Mit dem klaren Abstimmungsergebnis waren das Projekt und seine Finanzierung gesichert. Diese Entscheidung hat aber auch das Schicksal des von der Bevölkerung  im Osten der Stadt durchaus angenommenen „Palasts der Republik“ besiegelt.

Kritisiert haben wir in der Stiftung Zukunft die Wiedererrichtung des Kreuzes auf der nach Karl Friedrich Schinkels Zeichnung erst 1845 bis 1853 von Friedrich August Stüler errichteten Kuppel, deren Tambour jetzt  auch wieder die – vorsichtig gesagt – nicht gerade sehr demokratienahe Inschrift des Königs zeigt. Das Kreuz als Bekenntnis zur Tradition einer auf das Heer gestützten Herrschaft von Gottes Gnaden überdauerte die preußische Verfassung über die Revolution von 1918 hinaus. Friedrich Wilhelm IV. ließ es nach der blutigen Niederschlagung der Märzrevolution auf  seinem weltlichen Schloss errichten und machte den Kuppelraum darunter zur Schlosskapelle. Im Humboldt Forum werden unterhalb des Kreuzes dann die Fresken buddhistischer Kulträume aus dem Museum für Asiatische Kunst zu besichtigen sein. Ob das angemessen ist?

Das „Museum des Ortes“ wird, so sollte man meinen, auch solche historischen Zusammenhänge erklären müssen. Und zum Verständnis des Ortes gehört ebenso eine Erinnerung an den schließlich als Asbestruine abgetragenen „Palast der Republik“  und den darin gefassten Volkskammerbeschluss über den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik im August 1990.

Berlin wird sich als weltzugewandte Stadt präsentieren, und man wird sehen,  wie die Welt auf Berlin schaut und wie Berlin auf die Welt einwirkt. „Berlin Global“ ist das gemeinsame Vorhaben des Stadtmuseums und der Gesellschaft Kulturprojekte Berlin. Wie dies im Rückblick auf die beiden Weltkriege, auf Nationalsozialismus, Antisemitismus und die systematische Ermordung von Juden, Roma und Sinti innerhalb einer solchen Ausstellung realisierbar und überhaupt fassbar zu machen ist, bleibt abzuwarten.

Die geplante Darstellung des deutschen Kolonialismus und seiner Gräueltaten wird sich unmittelbar verbinden mit den Ausstellungsplänen der reichen ethnologischen Sammlungen, die zuvor in Dahlem gezeigt wurden und zusammen mit der asiatischen Kunst unter dem Dach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz angesiedelt sind.  Endlich werden alle Angaben zur Provenienz und zum recht- oder unrechtmäßigen Besitz der Ausstellungsstücke geklärt sein, oder es wird die noch zu leistende Forschung selbst problematisiert und thematisiert werden. So jedenfalls ist die Erwartung, so erhoffen wir es. Damit wäre dann die Grundlagenforschung geleistet für eine Diskussion über Restitutionen und eine intensive Zusammenarbeit mit Museen afrikanischer Nationen, die  weiterreichende Lösungen zur Beendigung postkolonialistischer Verhältnisse anstrebt.

Auch die Humboldt-Universität wird zusammen mit der Berlin University Alliance (also zusammen  mit der Freien Universität, der Technischen Universität und der Charité) ihren Part nicht museal anlegen, sondern ihre auf die Krisen von Natur und Gesellschaft bezogenen Forschungen im virtuellen und interdisziplinären Dialog darstellen. Aus den Sammlungen der Universität soll das Lautarchiv ins Humboldt Forum übernommen werden; hinzu kommt das Phonogrammarchiv des Ethnologischen Museums Berlin. Ein Hauch der (digitalisierten) Erinnerung an die Urform der Museen, die alte „Wunderkammer“,  wird aufleben in diesem Forum, das mehr als ein Museum sein will. Der Besucher wird eine Welt im Werden erleben und den Forschern bei ihrer Arbeit über die Schultern schauen, aber die Forscher der Humboldt-Universität wollen sich zugleich nach ihrem Publikum umdrehen und bitten um kreative Mitarbeit.

Eine Zettelsammlung mit den Gedanken der Besucher über Demokratie und Menschenrechte soll entstehen. Auf einem der Zettel würden wir zu all unseren Wünschen an das Humboldt Forum noch notieren, dass es zur demokratischen Verfasstheit des Forums gehören sollte, einen Weg zu finden, auf dem engagierte Bürgerinnen und Bürger ihre Ideen in die Programmgestaltung des Forums einbringen können. Einen anderen Zettel möchten wir gleich hier an die sich öffnende Tür heften: Die Adresse des Humboldt Forums sollte an einen großen Streiter gegen jede Form des Rassismus erinnern, „Nelson Mandela-Platz 1“ sollte sie lauten. Als Alibi für Überbleibsel kolonialen Denkens dürfte eine solche Namensgebung nicht herhalten. Sie wäre Ansporn und Mahnung, diesen historischen, nationalen Ort von seinen Altlasten zu befreien und ihn in die Welt hinein zu öffnen. Die Eröffnung des Humboldt Forums ist der Beginn eines langen und anspruchsvollen Wegs.

Mit freundlichen Grüßen

Eckhardt Barthel, Andreas Gebhard, Volker Hassemer, Wolf-Dieter Heilmeyer, Vera Sturm, Herbert Wiesner

 

 

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