Korridor für Innovation und Nachhaltigkeit

Eine Strategie für die Achse Hauptstadt Berlin - Region Lausitz

 

Berlin und Brandenburg bilden eine der prägendsten Metropolregionen in Deutschland und in Europa. Mit über sechs Millionen Einwohnern liegt die Metropolregion Berlin-Brandenburg genau an der Nahtstelle zwischen Ost und West, am Schnittpunkt zweier großer europäischer Korridore, die von Paris und Amsterdam nach Warschau und ins Baltikum bis nach Moskau sowie von Skandinavien bis Italien reichen. Das gesamte Land Brandenburg und die in dessen Mitte gelegene deutschen Hauptstadt haben einmalige Voraussetzungen, die vorhandenen Ressourcen, Potentiale, Stärken und Chancen gemeinsam zu nutzen.

Für die kommenden Jahre gilt es, die Zusammenarbeit in der Hauptstadtregion neu zu denken und neu aufzustellen. Sie kann dabei auf umfangreiche Transformationserfahrungen aus den vergangenen drei Jahrzehnten zurückgreifen und diese in die Bewältigung neuer Herausforderungen wie Digitalisierung, Klimawandel und Energiewende, Internationalisierung und demographischer Wandel einbringen. Ein konkretes Projekt ist, eine Strategie für die Achse Berlin-Lausitz zu entwickeln, eine Achse, die historisch sogar bis Breslau reichte.

Eine enge fruchtbare Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft sollte zum Markenkern der Metropolregion Berlin-Brandenburg werden. Sie ist einerseits eine gemeinsame Wissenschafts-, Forschungs- und Innovationsregion sowie andererseits eine gemeinsame Wirtschafts-, Industrie- und Arbeitsmarktregion. Durch enge wechselseitige Vernetzungen sowie Kommunikation und Kooperation können gemeinsame Entwicklungen und Projekte im gegenseitigen Interesse unterstützt und umgesetzt werden.

Die Wissenschaftslandschaft in der Hauptstadtregion ist breit, vielfältig und exzellent aufgestellt. In zahlreichen Bereichen nimmt sie weltweit eine Spitzenposition ein. Berlin und Brandenburg verfügen mit über 50 Hochschulen und insgesamt etwa 40 Instituten der Leibniz-Gemeinschaft, der Fraunhofer- und der Max-Planck-Gesellschaft über die höchste Forschungsdichte Deutschlands. Wie können diese riesigen Potentiale mehr als bisher zum Wohle und zur Entwicklung der gesamten Region eingesetzt werden?

Die Hauptstadtregion ist eine Wachstumsregion geworden. Wirtschaftsstrukturelle Probleme, die aus der Teilung Deutschlands herrühren, wurden angepackt. Allerdings sind viele Fragen einer zukunftsfähigen und nachhaltigen Infra- und Wirtschaftsstruktur für das 21. Jahrhundert offen. Die Industrie ist und bleibt das Rückgrat der Region und ist ein wichtiger Zukunftsfaktor. Die Industrie trägt deutschlandweit mit etwa 22 % zur Bruttowertschöpfung bei. Dieser Anteil liegt in Berlin bei etwa 9 %, in Brandenburg bei etwa 14 % und in der Lausitz bei fast 30 %.

Industrie und Gewerbe stehen vor einem gewaltigen Innovations- und Transformationsprozess. Die Region Lausitz ist in besonderer Weise betroffen. Mit der Verabschiedung des Kohleausstiegsgesetzes und des Strukturstärkungsgesetzes haben Bundestag und Bundesrat den rechtlichen und finanziellen Rahmen für die zukünftige Strukturentwicklung in der Lausitz gesetzt. Damit ist ein Fahrplan für den schrittweisen Ausstieg aus der Braunkohleverstromung bis 2038 gelegt. Jetzt geht es um den schnellen Einstieg in die Strukturentwicklung, um konkrete Projekte und deren Umsetzung.

Die Hauptstadt Berlin hat bei der Stärkung und Verbreitung von Industrie Nachholbedarf. Gleichzeitig ist sie besonders stark bei Wissenschaft, Forschung und Entwicklung und beim Thema Digitalisierung. Diese Bereiche können dazu beitragen, eine hochmoderne, verträgliche und klimaneutrale Industriestruktur aufzubauen. Brandenburg ist ein wachsendes Industrieland, die Lausitz will eine starke Industrieregion bleiben.

Somit können sowohl die Neuindustrialisierung Berlins als auch der Strukturwandel in der Lausitz gemeinsame Aufgaben sein. Positive Signale in Berlin sind u.a. der Aufbau des neuen Siemens-Campus sowie die Urban Tech Republic am ehemaligen Flughafen Tegel. In Brandenburg sind es der Bau der Tesla-Fabrik in Grünheide, die Entscheidung der BASF für den neuen Produktionsstandort für Batteriematerialien in Schwarzheide sowie die Entscheidung der Deutschen Bahn, in Cottbus das modernste Bahninstandhaltungswerk in Europa aufzubauen. Mit dem Projekt „Innovationszentrum Universitätsmedizin Cottbus“ besteht der Ansatz, die Spitzenforschung der Berliner Universitätskliniken direkt in die Anwendung des Raumes zu bringen.

Die dynamische Entwicklung von Berlin selbst aber auch des unmittelbaren Umlandes haben bereits zu einer relativ hohen Verdichtung geführt. So ist Wohnraum knapp (und teuer) geworden. Das gleiche gilt für die Verfügbarkeit von Gewerbefläche.
Aber auch Verkehr ist dichter und Parkraum knapper geworden. Parallel dazu verändern sich Arbeitsgewohnheiten. Digitalisierung macht es möglich, dass Arbeit dezentraler – also auch von zu Hause oder über Co-Working-Spaces – erbracht werden kann. Und der Wertewandel in unserer Gesellschaft führt dazu, dass Gesundheit, Familie und Umweltbewusstsein eine wichtigere Rolle spielen. So ändert sich auch das Raum-Zeit-Verständnis. Auf der einen Seite können Distanzen auch digital überwunden werden. Gleichzeitig geht es weniger um zurückgelegte Kilometer sondern um benötigte Zeit. Vor allem schnelle Zugverbindungen eröffnen damit neue Entwicklungsmöglichkeiten für die gesamte Region. Es geht also darum, das Denken in konzentrischen Kreisen (von der Berliner Mitte über die Außenbezirke ins Umland) abzulösen durch ein Denken in Korridoren: Von Berlin aus entlang der großen Schienenstränge nach Brandenburg (und umgekehrt). Das eröffnet neue Planungs- und Entwicklungshorizonte.

Ziel muss es sein, zwischen Berlin und Brandenburg Korridore der Innovation und Nachhaltigkeit aufzubauen. Korridore, die von Berlin über Buch, Eberswalde und Schwedt nach Stettin führen, die von Berlin über Ludwigsfelde und Luckenwalde nach Leipzig und Halle reichen, von Berlin bis Magdeburg, Wittenberge und Frankfurt. Dazu braucht es eine konzertierte Aktion vieler Akteure aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Kommunen.
Es geht nicht nur darum, die Korridore planerisch und gestalterisch auszuformen. Am Beginn muss es um eine thematisch-inhaltliche Ausformung von Themen gehen, die für die Korridore stehen: sei es beispielsweise für die Bereiche Mobilität, Medizin oder Energie. Welche Partner gilt es für die Korridore zu gewinnen? Wie lässt sich der nötige intensive Kommunikationsprozess zwischen allen Akteuren gestalten? Welche Flächen für Wohnungen und Gewerbe gibt es in den Korridoren? Wie können die spezifischen Merkmale der Korridore kommuniziert werden, so dass ihre Strahl- und Sogwirkung auch jenseits von Berlin und Brandenburg wahrgenommen wird?

 

Achse Hauptstadt Berlin-Region Lausitz

 

Nun beginnt jeder lange Weg mit einem ersten Schritt. Das führt uns zu der Frage: Wie kann es gelingen, entlang der Achse Berlin-Lausitz einen Korridor der Innovation und Nachhaltigkeit sowie von Arbeiten und Wohnen durch Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft, der Zusammenarbeit der Länder und Kommunen sowie gesellschaftlicher Organisationen umzusetzen? Wie können sich Berliner Akteure und Lausitzer Akteure auf Augenhöhe begegnen? Wie können die Zwischenräume mit in die Verantwortung genommen werden? Denn mit einem Korridor Lausitz-Berlin kann ein Pilotprojekt entstehen, das als Vorbild für andere Entwicklungsachsen Pate steht.

Im Süden Berlins arbeiten schon mehr als 20.000 Menschen im Wissenschafts- und Technologiepark Adlershof, seinen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und den Instituten der Humboldt-Universität. Wie kann die Zusammenarbeit nach Brandenburg und bis in die Lausitz verstärkt werden? In der Lausitz sind die BTU Cottbus-Senftenberg sowie die bisherigen und neuen außeruniversitären Forschungsinstitute wichtige Ankerpunkte. Wie lassen sich Netzwerke und die Zusammenarbeit in Richtung Berlin aufbauen?

Mit der Eröffnung des Internationalen Flughafens BER ist das wichtigste Infrastrukturprojekt Ostdeutschlands umgesetzt. Viele Gewerbe- und Dienstleistungsflächen stehen zur Verfügung. In den kommenden 10 bis 15 Jahren können in dem gesamten Bereich insgesamt 60.000 Arbeitsplätze entstehen. Die Vernetzung und Anbindung zur Lausitz ist von entscheidender Bedeutung. Mit dem neuen Flughafen direkt vor der Tür besitzt die Lausitz ein neues Tor nach Europa und in die ganze Welt.

Mit dem geplanten Ausbau der Bahnstrecke Berlin-Cottbus-Breslau entsteht eine leistungsfähige Schnellbahnverbindung, der geplante Ausbau der Autobahn Berlin-Dresden-Prag verbessert die Vernetzung mit den unmittelbar angrenzenden Wachstumsregionen. Auf dem Weg von Berlin in die Lausitz ist der Spreewald ein hoch attraktiver Standort für Wohnen und Leben, Freizeit und Tourismus.

Für die Achse Berlin-Lausitz stellen sich u.a. folgende Herausforderungen:

  • Welche Wissenschaftspotentiale können eingebracht werden, u.a. in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Technik Wildau, der BTU Cottbus-Senftenberg, der Viadrina in Frankfurt/Oder, der Universität Potsdam, der TU Berlin und der Humboldt-Universität, den Berliner Universitätskliniken, sowie der großen außeruniversitären Forschungslandschaft?
  • Welche Flächenpotentiale gibt es in den beteiligten Landkreisen und Kommunen für Gewerbe und Industrie? Welche Ansiedlungen sind möglich? Wie ist eine strategische Vermarktung und Ansiedlung - auch in Abstimmung mit den Hochschulen - umsetzbar?
  • Welche Potentiale gibt es parallel dazu für Arbeiten und Wohnen? Wie lassen sich über attraktive Verbindungen zu und zwischen den Knotenpunkten von Wissenschaft und Wirtschaft Fachkräfte für die ganze Region gewinnen?
  • Wie können digitale Technologien zur Verbesserung der kleinräumigen Datenlage eingesetzt werden, um regionale Entwicklungen sichtbar zu machen und Lerneffekte zu generieren?
  • Einbindung in eine integrierte Siedlungsentwicklung Brandenburgs und in die regionale Planungsgemeinschaft.
  • Welche Anreize können für eine stärkere, freiwillige interkommunale Zusammenarbeit gesetzt werden, um die Stadt-Land-Beziehungen weiter zu verbessern?
  • Wie kann der Bedarf an Fachkräften sowohl aus den Hochschulen (Ingenieurkapazitäten) als auch aus der dualen Ausbildung gesichert werden? Wie können neue Fachkräfte aus dem In- und Ausland gewonnen werden?
  • Wie können Klimafreundlichkeit, Energiewende und innovative Boden- und Landnutzungen gemeinsam eingebracht werden?
  • In Cottbus soll in Zusammenarbeit von BTU Cottbus-Senftenberg und Carl-Thiem-Klinikum eine universitäre Hochschulmedizin aufgebaut werden. Die enge Zusammenarbeit mit der Charité in Berlin ist auszubauen.
  • Wichtige Rahmenbedingungen sind der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur von Schiene und Straße: Anbindungen zum BER, Anbindungen Berlin-Cottbus-Görlitz-Breslau, Anbindungen nach Sachsen, Dresden und Leipzig, sowie nach Prag. Wie lassen sich durch Digitalisierung und Automatisierung des Nahverkehrs auch die Zwischenräume zwischen den großen Zentren besser anbinden?
  • Wie kann das Selbstverständnis und das Selbstbewusstsein einer solchen Wachstumsregion positiv verändert werden?

Um einen strategisch angelegten Innovationskorridor Berlin-Lausitz bzw. Lausitz-Berlin aufzubauen, bedarf es eines intensiven Dialogprozesses. Und der beginnt mit dem ersten Schritt. Hierzu empfehlen wir den Ländern einen entsprechenden Prozess zu starten und dazu insbesondere die Universitäten und Fachhochschulen, die IHKs, den DGB, Unternehmensvertreter, Landkreise und Kommunen, Wirtschaftsfördereinrichtungen und die Wissenschaftsstadt Adlershof an einen Tisch zu holen.

20.1.2021

Hermann Borghorst, Klaus Freytag, Thomas Kralinski, Günter Stock

für die AG-Berlin-Brandenburg der Stiftung Zukunft Berlin (im Rahmen der Themengespräche "Kooperation in der Region Berlin-Brandenburg")

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